In zertifizierten Brust- und Darmkrebszentren werden Patienten in vielerlei Hinsicht besser betreut als in nicht-zertifizierten Kliniken, meinen Hausärzte, zeigt eine Befragung mit 200 Teilnehmern. Knapp die Hälfte merkt aber auch an, dass die Zentren sich noch besser mit ihnen abstimmen könnten. Vor etwa 15 Jahren begann die Deutsche Krebsgesellschaft (DKG), Organkrebszentren zu entwickeln, um auf das damals im europäischen Vergleich nur mittelmäßige Überleben von Krebspatienten in Deutschland [1] und die großen Unterschiede der Versorgung von Krebspatienten [2] zu reagieren.
Mehr Einbindung gewünscht
Gemäß der Definition des Nationalen Krebsplans ist ein Zentrum „ein Netz von qualifizierten und gemeinsam zertifizierten, multi- und interdisziplinären, transsektoralen und ggf. standortübergreifenden Einrichtungen (Krankenhäuser, vertragsärztliche Versorgung, Rehabilitationseinrichtungen), die, sofern fachlich geboten, möglichst die gesamte Versorgungskette für Betroffene abbilden“ [3, S. 32]. Ihr Ziel ist es, die Patientenversorgung zu verbessern. Dies geschieht über die Einhaltung fachlicher Anforderungen, die multidisziplinäre und interprofessionelle Kommissionen entwickeln, in denen die in die Patientenversorgung eingebundenen Fachgesellschaften und Berufsverbände sowie die Patientenselbsthilfe vertreten sind [4]. Seit 2003 bzw. 2006 können sich Brust- und Darmkrebszentren nach den Anforderungen der DKG zertifizieren lassen.
Zu den wichtigsten Partnern bei der Versorgung von Krebspatienten zählen Hausärzte, da sie die Patienten meist lange, also schon vor der Erkrankung, kennen und sie während und nach der Primärtherapie begleiten. Zudem kennen sie – und dies ist besonders für die psychosoziale Betreuung wichtig – meist die Lebensumstände ihrer Patienten sehr genau. Allerdings zeigen Untersuchungen aus Deutschland, dass Hausärzte sich gerade in der frühen Phase der Therapie eine stärkere Einbindung und einen besseren Informationsfluss mit anderen Versorgern wünschen [5].
Trotz der Bedeutung der Hausärzte in der onkologischen Behandlung ist bislang relativ wenig über deren Einschätzung von Brust- (BZ) und Darmkrebszentren (DZ) bekannt. Im Dezember 2015 ließen wir deshalb 200 niedergelassene Hausärzte von Research Now, Institut für digitale Datenerhebung in der Marktforschung, per E-Mail befragen. Sie wurden in zwei Gruppen randomisiert: Eine Hälfte wurde gebeten, Fragen mit Bezug zu Brustkrebszentren (BZ) zu beantworten, der anderen Gruppe wurden ansonsten gleichlautende Fragen zu Darmkrebszentren (DZ) vorgelegt. Die Ergebnisse sind in Abb. 1 dargestellt. Details zur Befragung können bei den Autoren angefordert werden.
Zentren punkten bei Nachsorge
Der überwiegende Teil der Befragten kennt zertifizierte Zentren aus eigener Zusammenarbeit. Dies trifft voll oder eher bei 69 Prozent in Bezug auf BZ und bei 58 Prozent in Bezug auf DZ zu. Bezüglich der medizinischen Kompetenz/der Behandlungsqualität sieht die Mehrheit die zertifizierten Zentren gegenüber den nicht zertifizierten Kliniken als besser an. 81 Prozent der Befragten zu BZ sehen dort bessere Qualität und immerhin noch 72 Prozent bei DZ.
Eine wichtige Anforderung an zertifizierte Zentren ist die psychosoziale Betreuung durch Sozialarbeiter und Psychologen im Bedarfsfall: 60 Prozent der Hausärzte schätzen die Beachtung psychosozialer Aspekte im BZ besser ein als in Standardkliniken, in DZ ist dies bei 54 Prozent der Fall. Immerhin 29 Prozent bzw. 31 Prozent finden allerdings, dass dies (eher) nicht zutrifft. Deutlichere Vorteile gegenüber Standardkliniken sehen die Befragten bei der Nachsorge. 82 Prozent schätzen BZ besser ein als nicht zertifizierte Kliniken und auch bei DZ ist dies noch bei 70 Prozent der Fall.
Weniger deutlich als bei den vorangegangenen Fragen fällt der Vorteil zertifizierter Zentren gegenüber Standardkliniken in Bezug auf die Kommunikation mit den Hausärzten aus: Nur 47 Prozent der Befragten schätzen BZ in der Kommunikation besser ein als nicht zertifizierte Kliniken (DZ: 45 Prozent). Fast ebenso viele sind der Ansicht, dies träfe (eher) nicht zu. Dieses Ergebnis ist sehr ernst zu nehmen, ist doch für eine gute Versorgung von Patienten eine gelungene Kooperation aller Partner nötig. Hier besteht Nachbesserungsbedarf durch die Zentren, beispielsweise, indem sie den Informationsaustausch mit den hausärztlichen Kollegen fördern. Im Sinne der Patienten sollten sich sicherlich beide Seiten bemühen, Routinen zu entwickeln, um sich besser und vielfach auch schneller miteinander abzustimmen. Gemeinsame Fort- und Weiterbildungen zur Schärfung des gegenseitigen Verständnisses könnten hier einen wertvollen Beitrag liefern.
Bei der Etablierung zertifizierter Zentren wird mitunter das Vordringen in den ambulanten Sektor mit Sorge gesehen. Diese Befürchtung scheint allerdings der Umfrage zufolge weitgehend unbegründet zu sein: Nur 19 Prozent der Hausärzte teilen (eher) diese Sorge in Bezug auf BZ, bei DZ waren es 25 Prozent.
Letztlich entscheidend für Patienten ist die Frage, ob Brustkrebs- und Darmkrebspatienten nach Ansicht ihrer Hausärzte in Zentren behandelt werden sollten, da dies auch maßgeblich für Empfehlungen sein dürfte. Patienten verlassen sich auf das Urteil der Hausärzte, die damit zu einer Art implizitem „Gatekeeper“ bei der Zuweisung/Empfehlung werden. 75 (DZ) bzw. 83 Prozent (BZ) stimmten dieser Aussage (eher) zu, wobei sich besonders mit Blick auf die Kategorie „stimme voll zu“ ein deutlicher Unterschied zugunsten der Brustkrebszentren zeigte.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse somit eine positive Einschätzung der Hausärzte gegenüber zertifizierten Brust- und Darmkrebszentren. Insbesondere die Qualität der Versorgung bewerten sie gegenüber nicht zertifizierten Kliniken besser. Nur folgerichtig ist damit auch die Einschätzung des Großteils der Befragten, wonach Brust- und Darmkrebspatienten in Zentren behandelt werden sollten.
Brustzentren schneiden besser ab
Allerdings zeigen sich teils erhebliche Unterschiede in der Einschätzung von Darm- und Brustkrebszentren, beispielsweise hinsichtlich der Qualität der Nachsorge – wobei Brustkrebszentren jeweils besser abschneiden.
Eindeutige Gründe für diese allgemein bessere Einschätzung der BZ gegenüber den DZ kann die Befragung nicht liefern. Allerdings gibt es Unterschiede zwischen beiden Zertifizierungssystemen, die hierfür mitursächlich sein könnten:
Das gilt für die unterschiedliche Abdeckung – bei etwa gleich vielen zertifizierten Zen-tren werden nur etwa 40 Prozent der Darm-, aber 75 Prozent der Brustkrebspatienten in DKG-zertifizierten Zentren behandelt. Zählt man die nach NRW-Anforderungen zertifizierten Brustkrebszentren dazu, sind dies sogar etwa 90 Prozent. Die Abdeckung bei Brustkrebszentren ist also ungleich höher, das Prinzip bekannter. Zugleich sind die Anforderungen für die Fallzahl bei Brustkrebszentren strenger (mindestens 100 Primärfälle pro Jahr gegenüber 50 bei Darmkrebszentren), was eine stärkere Zentralisierung zur Folge hat und den Unterschied zwischen Zentren und anderen Kliniken schon aufgrund der Größe deutlich macht.
Fazit
Hausärzte schätzen die Versorgung in zertifizierten Krebszentren in vielen Bereichen besser ein als in nicht zertifizierten Kliniken. Beide Zentrumstypen haben eine hohe Akzeptanz, aber mit Vorteilen zugunsten der Brustkrebszentren. Gerade Darm- aber auch Brustkrebszentren sollten sich daher auf allen Ebenen intensiver mit Hausärzten vernetzen, um gemeinsam Lösungen für Probleme in der Zusammenarbeit, etwa in der Nachsorge und der Kommunikation vor und nach dem stationären Aufenthalt, zu erarbeiten.
Interessenkonflikte: Kowalski und Wesselmann (DKG), Benz (DKG, Leiter eines DZ), Czycholl (Rese-arch Now)
Literatur
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- Sant M, Capocaccia R, Verdecchia A et al. Survival of women with breast cancer in Europe: variation with age, year of diagnosis and country. The EUROCARE Working Group. International journal of cancer Journal international du cancer 1998; 77: 679-683
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- Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen. Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit, Band III Über-, Unter- und Fehlversorgung, Gutachten 2000/2001. In; 2001
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- Bundesministerium für Gesundheit. Nationaler Krebsplan. Handlungsfelder, Ziele und Umsetzungsempfehlungen. Berlin 2012
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- Wesselmann S. Entwicklung der Zertifizierungsverfahren für Organkrebszentren und Onkologische Zentren der Deutschen Krebsgesellschaft. Der Onkologe 2012; 18: 511-516
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- Dahlhaus A, Vanneman N, Guethlin C et al. German general practitioners’ views on their involvement and role in cancer care: a qualitative study. Fam Pract 2014; 31: 209-214